Sehnsucht nach dem wertschätzenden Einkaufserlebnis.
Dienstag, 12. Aug 2008 14:08 von Det Mueller

“Doch da — gleich zu Beginn der Parallelstraße, in ausgewiesener 2B-Lage, wirft ein erleuchtetes Schaufenster Schatten auf den Gehweg. Sieht irgendwie anders aus. Der Anzug ist raffiniert geschnitten, hat einen tollen Griff. Preislich ist er gerade noch im Limit, die Beratung ist respektvoll, fast freundschaftlich. Über die Ware in der Tragetasche wird Seidenpapier gelegt. Aus Respekt vor dem Anzug. Auf Wiedersehen, und vielen Dank! Das muss ich meinem Kollegen erzählen, den Laden kennt der bestimmt nicht.”
Diese einleitenden Worte habe ich heute verzückt wahrgenommen, bei meinen Streifzügen durch die Blog-Welt. Gefunden habe ich sie im Dialogus Magazin meines Freundes Jo Zischke. Er lädt regelmäßig Gastautoren zum Gedankenaustausch ein, die aktuelle Themen auf ihre Art beleuchten. Meinen Artikel schrieb Alexander von Keyserlingk, (Unternehmensberater für wertorientierte, nachhaltige Handelskonzepte und Expansionsstrategien) zum laufenden Magazin-Thema Nachhaltigkeit…
Der Mann schreibt mir unbedingt aus der Seele. Einmal stellt er im Artikel die Frage, was wir eigentlich mit dem Bezahlvorgang bezahlen und was wir tatsächlich dafür bekommen. Er beleuchtet die Situation großer Flagship Stores berühmter Marken, die ob ihres Luxusambientes und der scheinbar gewinnbringenden Lage häufig bis zu 50.000 Euro Miete im Monat bezahlen müssen. Was wir dafür bekommen ist ein häufig eher zweifelhaftes Einkaufsvergnügen.
Andererseits propagiert der Autor auf seinem, schönen, gleichnamigen Blog das “slowretail” - also das “entschleunigte Verkaufen” in angenehmer, persönlicher Atmosphäre. Hier wird Einkaufen oft mit Beratung und einer Tasse Kaffee verbunden. Hier geht alles langsamer und friedlicher zu. Der Wechsel “Geld gegen Ware” bekommt eine menschliche Komponente, die nur noch die Älteren unter uns als “früher normal” kennen dürften.
Auf seinem Blog beschreibt er viele Läden dieser Art, die sich mühsam ihren neuen Weg erkämpfen, oder solche, die aus Tradition und Wertschätzung immer so geblieben sind. Dort findet sich auch ein Post zu Läden in Südtirol. In den dort so genannten “Lauben” ist Einkaufen eine riesige Freude und ein gehöriges Gesamterlebnis. Er führt Meran an, ich möchte dem noch Bozen hinzufügen, wo es ähnliche Geschäfte in großer Zahl gibt. Sie alle laufen gut und vergleichsweise billig in den Mieten. Es war halt immer so.
Bei uns in Köln oder in Aachen gibt es auch einige, wenige solcher Geschäfte in Randlagen und doch voller Leben. Sie wachsen still und heimlich und wecken oft verloren geglaubten Zauber. Einkaufen, verbunden mit wirklichem Entdecken ist hier wieder möglich und macht unheimlich viel Spaß. Vor allem kann man hier Dinge finden, die es woanders nicht gibt. Viel mehr Spezialitäten und Geheimnisse. Niemals vergleichbar mit einem unsinnigen Shopping Flug nach New York, wo ich nur die identische Jeans dank Globalisierung billiger finde.
Wie denken Sie? Kennen Sie nicht auch diese Sehnsucht nach wertschätzendem Beratungsgespräch und individueller Ware? Sind die Luxusstraßen nicht oft geprägt von gähnender Langeweile, weil sie alle überall auf der Welt austauschbar geworden sind? Wie sieht Ihre Vision von schönem Einkaufen aus?…

Lieber Herr Mueller,
haben Sie vielen Dank für Ihre wohlgewählten und -gesonnenen Worte zur “Slowretail-Vision”.
In New York allerdings, möchte ich ergänzen, gibt es auch andere Einkaufserlebnisse als die immer gleiche Jeans. Meine Concept Store-Liste, auf slowretail.de in eigener Rubrik zu finden, listet einige dieser sehenswerten Läden auf. Dies übrigens auch an anderen Orten, die evtl. mal auf Ihrer Route liegen - z.B. im alten Gewürzmarkt von Damaskus, Syrien…
Noch ein Tipp für nachhaltiges Shopping in USA, aktuell leider nur online: J. Peterman (http:/www.jpeterman.com) ist ein bemerkenswertes Versandhaus für werthaltige Produkte:
Bemerkenswert ist z.B. für Sie als Werber, daß die Produktabbildungen ausnahmslos gezeichnet statt fotografiert sind. Da ist nix mit XXL-Zoom, diesen übernimmt, m.E. “even more” werbewirksam, der bemerkenswerte Text zum Produkt.
Bemerkenswert ist auch, daß das Unternehmen früher sehr viel größer und erfolgreicher war - bis es von einem Konzern übernommen wurde und sich, bis zur Beliebigkeit, verriet.
Herr Peterman ist jetzt wieder Herr seiner Vision und backt kleinere, glücklichere Brötchen. Obwohl er seinerzeit auch schon eine eigene Ladenkette hatte - mit einer Filiale in der Grand Central Station in New York übrigens!
Besten Gruß
Alexander von Keyserlingk
[…]»even more« werbewirksam, der bemerkenswerte Text zum Produkt.
Ich habe mir den Alba Travel Coat von J. Peterman ange
sehenlesen: »Giancarlo and I follow Luigi until he starts sniffing around an old oak tree that was probably there when Hannibal came through. He starts digging, his tail wagging wildly in the air.« — Ja, das ist der Stoff, aus dem Käuferträumewünsche gemacht werden.Allerdings: Die Produkte sind m.E. nicht durchgängig gezeichnet (siehe u.a. Accessoires et al). Einige Grafiken sind zudem recht undeutlich gezeichnet, so dass Feinheiten nicht erkennbar sind, sicherlich kein Argument für eine zeichnerische Darstellungsmethode.
@ Joachim - natürlich gibt es verkaufsförderndere Darstellungen als kleine, skizzenhafte Zeichnungen, wenn ich Produkte verkaufen will. AAAAber… die (sicher auch noch nicht) perfekte Detailansicht findest Du z.B. bei herrenausstatter.de, dafür aber keinen spirit.
Das Einkaufserlebnis bei Herrn Peterman liegt im Vertrauen zum Händler (wie etwa die Fachberatung für Rasierzeug im fiktiven Barbierladen in Mailand anno 1952). Und dieses (Vertrauen) kannst Du nur gewinnen, wenn Du den antrainierten User-Instinkt zur 100%igen Qualitätskontrolle ausbremst.
Insofern ist Herr Peterman aus meiner Sicht nicht etwa qualitativ/technisch rückständig sondern ganz weit vorne, geradezu therapeutisch wertvoll für den globalen Selbstbedienungs-Junkie.
Gruss
Alexander